· "Wir sitzen im selben Boot"
· VON Alexandra Endres
· DATUM 4.5.2009 – 10:03 Uhr
· quelle: ZEIT ONLINE
Die Krise trifft auch Chinas Wirtschaft – und bietet lang ersehnte Chancen. Die ganze Welt könnte davon profitieren, sagt Weltbank-Chefökonom Justin Yifu Lin im Interview
© Feng Li/Getty Images
Ein "Vogelnest" als Zeichen für die neue Stärke Chinas: Das Nationalstadion in Peking während der diesjährigen Olympischen Spiele
ZEIT ONLINE: Zum ersten Mal seit sieben Jahren sinken die chinesischen Exporte. Viele Fabriken mussten bereits schließen, das Wachstum verlangsamt sich. Im kommenden Jahr, sagt die Weltbank, wird China nur noch um 7,5 Prozent wachsen. Was sind die Folgen für das Land?
Justin Yifu Lin: Der Arbeitsmarkt gerät unter Druck, Arbeitsplätze werden abgebaut. Deshalb versucht die chinesische Regierung, mit einem Konjunkturpaket die Wirtschaft anzukurbeln.
ZEIT ONLINE: Was bedeutet es, in China seine Stelle zu verlieren?
Lin: Für die Menschen dort ist der Arbeitsplatz die wichtigste soziale Sicherung. Ohne ihn geraten sie in eine sehr schwierige Lage. Die chinesische Regierung unterstützt sie aber finanziell, falls ihr Einkommen unter ein bestimmtes Mindestniveau fällt. Diese Grundsicherung gibt es seit einigen Jahren.
ZEIT ONLINE: Westliche Medien berichten über Proteste von Entlassenen. Reicht die Grundsicherung aus?
Lin: Wenn die Leute arbeitslos werden, verschlechtert sich natürlich ihre finanzielle Lage. Deshalb kommt es zu Protesten. Aber sie treten eher sporadisch auf; das ist kein flächendeckendes Phänomen.
ZEIT ONLINE: Wie wirkt die Krise darüber hinaus?
Lin: Die gegenwärtige Lage gibt der chinesischen Regierung eine wichtige Chance. Sie kann jetzt ein Investitionsprogramm verabschieden, das sie schon vor einigen Jahren auflegen wollte. Chinas Wachstum war in den vergangenen Jahren beeindruckend, aber zugleich ist die Kluft zwischen Arm und Reich sowie Stadt und Land gewachsen. Die Regierung wollte schon im Jahr 2002 dagegen vorgehen. Durch Investitionen in Infrastruktur, öffentliche Versorgungseinrichtungen, Bildung und Gesundheit sollte der ländliche Raum unterstützt werden. Außerdem sollte das soziale Sicherheitsnetz auf dem Land verbessert werden.
ZEIT ONLINE: Wenn die Investitionspläne schon sechs Jahre alt sind, warum wurden sie bisher nicht umgesetzt?
Lin: Von 2003 und 2007 stiegen die Investitionen ohnehin zu schnell. Die Wirtschaft war überhitzt. Sie wuchs durchschnittlich um elf Prozent. Das liegt weit über der durchschnittlichen Wachstumsrate der vergangenen dreißig Jahre, die 9,7 Prozent beträgt. Zusätzliche staatliche Investitionen hätten das noch befeuert, deshalb konnte die Regierung ihr Programm nicht implementieren. Jetzt, wo die Wirtschaft langsamer wächst, bietet sich die Chance, das zu tun.
ZEIT ONLINE:Tut die Regierung das Richtige, um die Konjunktur wieder zu beleben?
Lin: Ich glaube, sie tut das Richtige zum richtigen Zeitpunkt. Sie muss die wirtschaftlichen Disparitäten reduzieren, um die Gesellschaft zu stabilisieren. Das langsamere Wirtschaftswachstum bietet ihr dafür eine sehr gute Gelegenheit. Die Rahmenbedingungen sind gut: Die Einnahmen des Staates sind solide, die Leistungsbilanz ist positiv. Das gibt der Regierung Raum, zu handeln.
ZEIT ONLINE: Nimmt sie genug Geld in die Hand?
Lin:Sie will in den kommenden zwei Jahren 568 Milliarden Dollar ausgeben, umgerechnet etwa 15 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts – das ist der größte fiskalische Stimulus in der Geschichte der Menschheit. Das wird eine große Wirkung entfalten. Ob es ausreicht, wird man sehen.
ZEIT ONLINE:Was sind die ökologischen Konsequenzen?
Lin:China investiert in Infrastruktur auf dem Land. Solche Projekte können die ökologische Situation dort sogar verbessern, wenn sie gut geplant sind. Die Folgen des Pakets hängen vor allem von der konkreten Ausgestaltung der Projekte ab und davon, wie sie ausgeführt werden.
ZEIT ONLINE:Schadet der Bau neuer Straßen nicht dem Klima, unabhängig von den Details der Ausführung?
Lin: Aus chinesischer Sicht ist klar: Wenn die Erde sich erwärmt und die Umwelt Schaden nimmt, wird China darunter leiden. Deshalb hat die Regierung bereits Maßnahmen ergriffen, um den Ausstoß von Kohlen- und Schwefeldioxid einzudämmen. China hat die Bedeutung des Themas erkannt und unternimmt etwas, um das Problem zu bekämpfen.
ZEIT ONLINE: Können Sie Beispiele geben?
Lin: Man will beispielsweise die Emissionen von Schwefeldioxid und anderen Schadstoffen innerhalb von fünf Jahren um zehn Prozent reduzieren. Im gleichen Zeitraum soll die Energieintensität der Wirtschaft um 20 Prozent sinken. Fabriken erhalten die Auflage, neue Technologien zu benutzen. Eine Mischung aus Kontrollen, Sanktionen und steuerlichen Anreizen soll sie dazu bewegen, sauberer zu produzieren.
ZEIT ONLINE:Manche Fachleute prognostizieren, dass China schon in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres wieder schneller wachsen wird. Was denken Sie?
Lin: Die Möglichkeit besteht. Anfang 2009 soll das Konjunkturprogramm beginnen. Sobald die Projekte umgesetzt werden, steigen die Investitionen. Die Wachstumsrate könnte deshalb bald wieder steigen.
Die Voraussetzungen sind gut: Es gibt ausreichend sinnvolle Investitionsmöglichkeiten. Zugleich wächst China sehr schnell und hat eine hohe Sparrate – es gibt also genügend Kapital. Das Land hat die größten Devisenreserven weltweit. Über das Jahr hinweg wird das Land wohl sieben oder acht Prozent Wachstum halten können. Wenn China das schafft, ist das gut für die ganze Welt.
ZEIT ONLINE:Was bedeutet das konkret?
Lin: Etwa sieben Prozent der globalen Wirtschaftsleistung entfällt auf China. Wächst China um acht Prozent, bringt das der Weltwirtschaft ein um etwa 0,5 Prozentpunkte höheres Wachstum. Im kommenden Jahr wird die Weltwirtschaft wahrscheinlich um ein Prozent wachsen – die Hälfte davon kommt aus China.
ZEIT ONLINE: Was werden die Auswirkungen des chinesischen Konjunkturpakets auf andere Länder sein?
Lin:China muss Kapitalgüter aus Hocheinkommensländern importieren, um zu investieren. Außerdem braucht das Land mehr Rohstoffe, zum Beispiel Öl oder Metalle. Davon werden Länder mit vielen Bodenschätzen profitieren. Solange die chinesische Wirtschaft eine Wachstumsrate von sieben oder acht Prozent halten kann, wird auch die Nachfrage nach vielen anderen Gütern steigen, zum Beispiel nach Mobiltelefonen oder Autos.
ZEIT ONLINE: Wird China seine Dollarreserven nutzen, um die Investitionen zu finanzieren?
Lin: Die großen Reserven sind vor allem eine Versicherung, die Chinas Finanzsystem vor der Ansteckung durch die Finanzkrise schützt.
ZEIT ONLINE: Manche fürchten, China könnte seine Dollarreserven verkaufen und dadurch den USA noch größere Probleme bescheren.
Lin: Das wäre gegen Chinas eigene Interessen. Für China ist es sehr wichtig, dass die globalisierte Wirtschaft weiter wächst und stabil bleibt – und dass die USA eine stabile Wirtschaft haben. Wir sitzen im selben Boot. Die chinesische Regierung wird nichts tun, was die globale Wirtschaft destabilisieren könnte.
Die Fragen stellteAlexandra Endres
